Tobias Gerber  ·  Das Wirklichkeitsproblem


Das Wirklichkeitsproblem  von Quentin Gluck

1. "Si laquelle si d’ami cher dans y refuse d’avec"  (Anonymus)

Verehrter Leser, schon am Anfang habe ich versucht, Sie zu betrügen. Denn der Anonymus, Urheber der obenstehenden Zeile, spricht kein Französisch. Er sagt lediglich auf bayrisch: "Sie Lackel, Sie damischer, dan’s Ihre Füß’ da weg!". Formen und Aussagen können umgedeutet werden, ihren Charaktervollständig verändern. Wie kommt man vom Wald ins Kino? Wald - Wild - Wind - Kind - Kino. Obacht! Eine scheinbar harmlose Worttransformation voller Assoziativkraft gaukelt uns die enge Verknüpfung ihrer Elemente vor. Erscheinen uns doch die Pole "Wald" und "Kino", die nicht einen Buchstaben mehr gemeinsam haben, zwingend verwandt: ein weiterer kleiner Betrug. Wie ein Mäander sind die Wörter von Wald über Wild, von Wind über Kind zu Kino verschränkt.

Hier möchte ich den Begriff der Verschachtelung einführen. Informatiker sprechen von Rekursion. Sie meinen damit komplexe Strukturen, z.B. einen Hauptsatz mit zahlreichen Nebensätzen; z.B. komplexe Darstellungsebenen in Spielfilmen: wenn etwa der Hauptdarsteller im Film erzählt, er habe einen Film gesehen, in dem ein Mensch erzählt, er habe einen Traum gehabt, der sich bewahrheitet habe. Eine solche Verschachtelung ist bereits so rekursiv, daß sie uns verwirrt. Nach der vierten Abzweigung vergessen wir, wo wir unser Kraftfahrzeug abgestellt haben.

Hier ein Beispiel einer verschachtelten Alltagssituation, das mir Tobias Gerber zugänglich machte (ähnliche Dialoge liefert im deutschen Sprachraum Till Eulenspiegel):

"Mulla Nasrudin suchte einen Laden auf, um eine Hose zu kaufen. Dann änderte er seine Absicht und suchte stattdessen einen Mantel aus, der genau soviel kostete. Er nahm den Mantel an sich und wollte aus dem Laden gehen. "Du hast noch nicht bezahlt’, rief der Kaufmann. "Ich habe Dir die Hose dagelassen, die genau soviel kostet wie der Mantel. "Aber Du hast auch die Hose nicht bezahlt!" "Natürlich nicht", sagte der Mulla. " Warum sollte ich etwas bezahlen, was ich gar nicht kaufen will?"

Ohne dem Mulla betrügerische Absichten unterstellen zu wollen, macht die Geschichte doch deutlich, wie leicht wir schon durch einfache Rekursionen zu täuschen sind. Ein weiteres Beispiel mag zeigen, daß der Wechsel in eine spekulative Wirklichkeit prinzipiell zum Scheitern verurteilt ist:

Ein Hund trug ein Stück Fleisch durch einen Fluß: der Wasserspiegel zeigte ihm sein Bild. Da schwimmt ein andrer Hund mit Beute, glaubt er, und will sie schnappen. Doch -betrogene Gier! - der eigene Bissen glitt ihm aus dem Maul und der begehrte war erst recht dahin.
aus den Fabeln des Äsop: "Der Hund und das Spiegelbild". (Moral: Wer fremdes Gut begehrt, verliert sein eigenes.)

Die Welt der Spiegelbildlichkeit, der Wortspiele und -klaubereien ist riskant und es muß vor ihr gewarnt werden, insbesondere der Künstler. Während für den Mathematiker Verschachtelungen interessante Strukturen sind, mit denen er achselzuckend fertig wird, kommt die Kunst mit ihnen nicht zurecht. In der Literatur führen sie auf den Holzweg der Palindrome und Anagramme, oder zu Carrolls "Alice in Wonderland". Die wirkliche Welt ist gleichermaßen riskant und wir erleben sie als extrem rekursiv, vergleichbar mit einem langen Satzgefüge, an dessen Ende wir nicht mehr wissen, mit welchem Prädikat wir enden wollten.

Daher bieten die Welt der Spiegelbildlichkeit und die Sprache der Verschachtelung ausgiebigen Rohstoff für den Künstler, der für die wirkliche Welt Ausdrucksformen entwickeln will. Ihm ist es gestattet, sich allein im rekursiven Raum (gewissermaßen ausschließlich im Nebensatz) zu bewegen. Ihm gestattet man lächerliche und paradoxe Aussagen wie:

"Ich bin ein Fenster und stürze mich aus mir selbst hinaus."
("Wie malt man abstrakt", Buchheim Verlag, 1950er Jahre)

oder:

"Ich bin in mir selbst eingeschlossen und habe den Schlüssel verschluckt." (T. Gerber)

oder, wie Gino de Dominicis 1969, den Versuch zu unternehmen, "Quadrate statt Kreise um einen ins Wasser gefallenen Stein zu zeichnen", kurz: absurde Spekulationen über die Möglichkeiten der Dinge anzustellen, oder den Dingen zu trotzen.

Hat sich die gedankliche Kraft erschöpft, die Wirklichkeit zu ordnen, ist die kritische Masse der Verschachtelungen erreicht. Eine paradoxe Darstellung der Wirklichkeit ist Ausdruck dieser Rückkopplung. Doch die wesentliche Gestaltlosigkeit der Rückkopplung ist unerträglich. Sie verursacht Kopfschmerz. Die künstlerische Rückkopplung macht einsam und führt zum Wahnsinn. Bliebe die Möglichkeit, dem langen Satz mit vielen Nebensätzen einen weiteren Nebensatz hinzuzufügen. Bliebe die Möglichkeit, den Wahrheitsgehalt des langen Satzes anzuzweifeln. Bliebe die Möglichkeit, den Satz vollständig zu zerschlagen: der Aufprall auf Wirklichkeit.

II. Der Aufprall

Dino, Protagonist von Alberto Moravias "La Noia" (1960) wird den rabiaten Aufprall auf die Wirklichkeit suchen. Dino wird seiner übermäßig verschachtelten Realität nicht mehr Herr. Sie ist ihm entglitten.

"Meine Langeweile könnte als eine Krankheit der Gegenstände definiert werden. Sie verlieren plötzlich jede Vitalität, so als sähe man in Sekunden eine Blume von der Knospe zum Verblühen und zu Staub übergehen."

Dino hört auf, die Dingwelt auf sich zu beziehen. Er wird seinen Sportwagen absichtlich gegen eine Platane steuern. Diese scheinbar selbstmörderische Handlung ist ihm möglich, da er den Baum gewissermaßen nicht ernst nimmt. Der Baum ist nicht Dino, also ohne jede Bedeutung. Aus dem Krankenbett wird er stundenlang einen Baum im Garten betrachten:

"Ich dachte an nichts, fragte mich nur, wann und wie ich die Wirklichkeit dieses Baums erkannt hatte, das heisst seine Existenz als Objekt, das von mir verschieden war, keinerlei Beziehungen zu mir hatte und doch da war und nicht ignoriert werden konnte. Offenbar war etwas geschehen, genau in dem Moment, in dem ich den Wagen gegen das Hindernis gelenkt hatte. Dieses Etwas liess sich als Zusammenbruch einer unhaltbaren Ambition bezeichnen."

Mit anderen Worten: ein zur Gestaltlosigkeit verschachteltes Gefüge wird zerschlagen. Die primäre Wirklichkeit kehrt endlich zurück.

So gelingt Truman Burbank (Jim Carey) im Film "The Truman Show" die Flucht aus einer allein für ihn kreierten Wirklichkeit, von deren wahrer Beschaffenheit er nichts ahnt. Seine Heimatstadt Seahaven ist nichts anderes als ein eigens für Truman geschaffenes, gigantisches Fernsehstudio, in dem er unbemerkt von Kameras beobachtet wird. Selbst die Sonnenaufgänge und Jahreszeiten stammen vom Bühnenbildner. Als er über den vermeintlichen Ozean segelt, der Seahaven umgibt, durchbohrt sein Bugspriet irgendwann den gemalten Wolkenhorizont. Der Aufprall katapultiert Truman in die nächstwahre, - unsere Wirklichkeit. In der filmischen Inszenierung dieses Transits durchschreitet Truman eine in den simulierten Horizont eingelassene Tür. Und auch Dino hat den Tod bei seinem Manöver nicht bewußt gesucht, aber in Kauf genommen.

aus: Stars & Stripes No.1, Katalog erschienen anläßlich einer Ausstellung im Bonner Kunstverein, 9.8. - 24.9. 2000, Text: Copyright Quentin Gluck, Übersetzung Marion Dijkman Dulkes, Köln/Amsterdam 2000


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