Tobias Gerber  ·  Der Rücken der Dinge


Der Rücken der Dinge

I.
Bisher sind ca. 2000 Zeichnungen über den Rücken der Dinge entstanden, in einer Tour de Force durch Erinnerungen und Imaginiertes. Ohne Bildvorlage, freihandgezeichnet, in enzyklopädischer Streuung und Vielfalt, die Willkür inklusive (Mandschurei neben Manege). Jede Zeichnung läßt mich unmittelbar nach Fertigstellung die Belohnung einstreichen, wenn ich das gefaltete Blatt öffne und das Zufallserzeugnis betrachte.

Der Kettenhund, ein als Kind gesehenes Vietnam-Foto, Beuys und der Kojote, das Stilleben, die Kreuztragung, Münchhausen, Bartleby The Scrivener, alles steht nebeneinander und kann nebeneinander stehen: ad libitum. Bilder und Erinnerungen verspinnen sich zu einem nutzlosen Knäuel. Bleiben sie an ihrem Platze? Ernst Bloch stellt dazu in "Über den Rücken der Dinge" seine Mutmaßungen an. Denn: Was machen die Dinge, wenn man ihnen den Rücken zukehrt? Führen sie tatsächlich einen hämischen Tanz auf, oder bleiben sie so still und stumm, wie sie sich erweisen, wenn man sie betrachtet? Die Erinnerung an das Foto des vietnamesischen Polizeichefs, der aus nächster Nähe einen Gefesselten in den Kopf schießt, wuchert und treibt ihre unheimlichen Blüten. Die Imagination verknotet sich und löst sich nicht wieder. Dem Anagramm ähnlich, entwickelt sich aus dem Grundkapital einer Form eine weitere, mit entsetzlichen, neuen Knollen: als ob die ursprüngliche Form voller Hinweise steckte auf andere, in ihr vorher verborgene Bestandteile.

II.
Durch Faltung entsteht Spiegelung. Die Spiegelelemente ergeben Sequenzen, die der Betrachter als erzählerischen Bildläufe lesen wird. Es scheint überschüssige Zeit zu entstehen, nicht unähnlich der, die man erlebt, wenn man Zeuge oder Opfer eines Unfalls wird. Die Zeit streckt sich über Gebühr, vollführt bockige Sprünge, ohne daß die fatale Konsequenz vermeidlich wäre. Die Vase wird unwiederbringlich am Boden zerschellen. Eine Art oberer Totpunkt der Ereignisse: Die Rakete zittert, pendelt, verharrt, um dann mit Getöse abzustürzen (s. auch "Ananke", Stanislaw Lem). Der Beobachter schaut erstarrt zu. Vorher, Während und Nachher verschmelzen im Schock.

Der wohlgebildete menschliche Fötus ist entlang seiner Mittelachse gespiegelt. Verläuft diese peripher, entstehen siamesische Zwillinge (Spiegelung nach außen), verliert sie die Senkrechte, gibt es partielle Verschmelzungen oder Doppelbildungen. So entsteht der menschliche Zyklop durch Verschmelzung von zwei Augen zu einem, so entsteht die Frau mit vier Beinen und zwei Vaginen. Wie falten sich die Erinnerungen und wie oft?

III.
Sindbads Gefährten
Sindbads Gefahrten landeten schiffbrüchig auf einer kleinen Insel. Die Insel war bewaldet, ein kühler Quell entsprang in ihrer Mitte. Einige Seeleute legten sich erschöpft nieder, andere machten sich auf, ein Reh im Dickicht zu erjagen. Mit Beute beladen kehrten sie zurück, entfachten ein Feuer für den Braten. In diesem Augenblick bebte der Inselgrund, hob sich ächzend, und die Seeleute wurden entsetzt gewahr, daß sie auf dem Rücken eines Riesenkraken gelandet waren, der viele Jahre an der Meeresoberfläche geruht hatte, bis er durch das Feuer der Schiffbrüchigen geweckt wurde.

Der Schaltknauf von Shepard
Der amerikanische Wahrnehmungsforscher Shepard wurde von einem Freund gefoppt. Dieser tauschte den eierschalenfarbenen Knauf des Schaltknüppels von ShepardsWagen gegen ein hartgekochtes Ei aus.
"Nachdem ich gestartet hatte, griff ich nach dem Schaltknüppel, um den ersten Gang einzulegen. Dieses Gefühl kann man nur als "unbeschreiblich" bezeichnen."

Chimäre
Die Chimäre von Arezzo, der aus dem Rücken ein gazellenartiger Kopf wächst, in dessen Gehörn sich der schlangenköpfige Schwanz der Chimäre selbst verbeißt. (Die mit sich selbst beschäftigte Metamorphose)

Panik
Wie wird Panik empfunden? Der Widerstreit von Gelähmtheit und Fluchttrieb lassen das vom Autoscheinwerfer geblendete Reh das Verhängnis auf der Fahrbahn erwarten. (Siehe auch U.N.C.L.E. "rabbit in your headlights".)

Der Stotterer
Man kann ihn trotzdem verstehen.

Die Rettung
Er wurde beim Verlassen der Limousine mit einer Bibel beworfen, die ihn in der Herzgegend traf. Sein Leben verdankt er allein dem Umstand, daß er in der linken Brusttasche stets eine Kugel trägt.

aus: Jahrbuch 96, "Grenzgänge der Zeichnung".
Hg. Institut für moderne Kunst Nürnberg e.V., Text: Tobias Gerber, "Der Rücken der Dinge", S. 192ff. (überarbeitete Faßung von 2005)



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